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Naphthalin verstehen – die Grundlage für eine fachgerechte Beurteilung

Naphthalin gehört zu den polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) und ist einer der relevanten leichtflüchtigen Gebäudeschadstoffe. In älteren Gebäuden kann Naphthalin aus teerhaltigen Bauprodukten in die Raumluft gelangen und dadurch Gerüche sowie eine Beeinträchtigung der Innenraumluft verursachen.

 

Dieses Kapitel erklärt die wichtigsten Grundlagen und zeigt, weshalb Naphthalin bei der Untersuchung und Sanierung von Gebäuden eine besondere Bedeutung besitzt.

Kurzfassung: Naphthalin ist ein leichtflüchtiger Vertreter der PAK und kann aus historischen Bauprodukten in die Raumluft gelangen. Für die fachliche Beurteilung wird heute nicht mehr nur der Einzelstoff Naphthalin betrachtet, sondern der Summenwert der relevanten leichtflüchtigen PAK nach dem Bewertungsansatz „Naphthalin nach UBA“, dem sich auch das Bundesamt für Gesundheit angeschlossen hat. Diese Grundlage bildet heute den Stand der Technik für die Bewertung von Naphthalinbelastungen in Gebäuden.

Teerölgetränkte Spreu im historischen Bodenaufbau als häufige Quelle von Naphthalin in älteren Gebäuden.

Was ist Naphthalin?

Naphthalin ist eine organische Verbindung aus der Stoffgruppe der polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK). Chemisch besteht das Molekül aus zwei miteinander verbundenen Benzolringen und gehört damit zu den einfachsten Vertretern dieser Stoffgruppe.

PAK umfassen mehrere hundert Einzelverbindungen mit unterschiedlichen Eigenschaften. Während viele dieser Stoffe nur schwer verdampfen und hauptsächlich im Baustoff verbleiben, zählt Naphthalin zu den leichtflüchtigen PAK. Dadurch kann es aus belasteten Materialien langsam in die Raumluft übergehen und sich im Gebäude verteilen.

 

Genau diese Eigenschaft macht Naphthalin für die Innenraumhygiene besonders relevant.

Naphthalin unterscheidet sich von vielen anderen PAK dadurch, dass es aufgrund seiner Flüchtigkeit die Raumluft über Jahre oder Jahrzehnte beeinflussen kann.

Warum kommt Naphthalin in Gebäuden vor?

Naphthalin entsteht bei der Verarbeitung von Kohle und Teer und wurde früher in verschiedenen Bauprodukten verwendet. In der Schweiz stammen relevante Belastungen heute hauptsächlich aus historischen Bodenaufbauten, bei denen teerölgetränkte Spreu oder Splitt unter dem Unterlagsboden eingebaut wurden.

Nach dem heutigen Kenntnisstand betrifft diese Bauweise insbesondere Gebäude aus den späten 1950er- bis frühen 1980er-Jahren. Auffällige Belastungen wurden bisher vor allem in der Zentralschweiz sowie im Raum Bern festgestellt. Weshalb sich diese Bauweise regional konzentriert, ist bislang nicht abschliessend geklärt.

Da sich diese Schichten unter dem Unterlagsboden befinden, bleiben sie bei vielen Renovationen bestehen. Auch ein neuer Bodenbelag bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die Schadstoffquelle entfernt wurde.

Wissen aus der Praxis: Viele belastete Gebäude wurden in den vergangenen Jahrzehnten bereits modernisiert. Die ursprüngliche Schadstoffquelle befindet sich jedoch häufig weiterhin unterhalb des Unterlagsbodens und bleibt von einer normalen Bodensanierung unberührt.

Warum wird heute nicht nur Naphthalin bewertet?

Lange Zeit konzentrierte sich die Beurteilung auf den Einzelstoff Naphthalin. Inzwischen ist bekannt, dass in belasteten Gebäuden regelmässig weitere leichtflüchtige PAK gemeinsam auftreten und zur Belastung der Raumluft beitragen.

Aus diesem Grund entwickelte das Umweltbundesamt Deutschland (UBA) den Bewertungsansatz „Naphthalin nach UBA“. Dieser umfasst neben Naphthalin auch weitere naphthalinähnliche Verbindungen wie Methylnaphthaline, Dimethylnaphthaline, Acenaphthen, Acenaphthylen, Fluoren, Phenanthren und Anthracen.

 

Die Bewertung erfolgt anhand des Summenwertes dieser Stoffe und entspricht heute dem anerkannten Stand der Technik.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat sich dieser Bewertungsgrundlage im Jahr 2022 angeschlossen und empfiehlt deren Anwendung auch für die Schweiz.

Zu beachten: Für die fachliche Beurteilung einer Raumluftbelastung ist heute der Summenwert der relevanten leichtflüchtigen PAK («Naphthalin nach UBA») massgebend – nicht der Einzelstoff Naphthalin allein.

Gesundheitliche Bedeutung

Naphthalin ist nach der europäischen CLP-Verordnung als Stoff eingestuft, der vermutlich Krebs erzeugen kann (Kategorie 2). Diese Einstufung beschreibt die Stoffeigenschaft und bedeutet nicht, dass in jedem belasteten Gebäude automatisch eine Gesundheitsgefährdung besteht.

Für die Beurteilung der Innenraumluft sind die gemessenen Konzentrationen und die Dauer der Exposition entscheidend. Da belastbare Studien am Menschen weitgehend fehlen, stützen sich die gesundheitsbezogenen Richtwerte auf tierexperimentelle Untersuchungen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt einen langfristigen Leitwert von 10 µg/m³ für Naphthalin.

Das Umweltbundesamt Deutschland hat diesen Wert als Richtwert I übernommen und zusätzlich einen Richtwert II von 30 µg/m³ definiert. Dieser kennzeichnet den Bereich, in dem gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht mehr sicher ausgeschlossen werden können und Massnahmen erforderlich sind. Diese Bewertungsgrundlage wird auch vom Bundesamt für Gesundheit angewendet.

Unabhängig davon können empfindliche Personen bereits bei deutlich tieferen Konzentrationen Gerüche wahrnehmen oder über unspezifische Beschwerden wie Kopfschmerzen, gereizte Augen oder Schleimhäute berichten. Solche Beschwerden sind individuell unterschiedlich und erlauben keine zuverlässige Aussage über die tatsächliche Belastung.

Ein wahrnehmbarer Geruch ist kein verlässlicher Massstab für die gesundheitliche Beurteilung. Ob eine Belastung vorliegt und wie sie einzuordnen ist, lässt sich nur durch geeignete Raumluftmessungen beurteilen.

Warum können Belastungen auch nach Jahrzehnten bestehen?

Naphthalin und weitere leichtflüchtige PAK werden über viele Jahre langsam aus belasteten Baustoffen freigesetzt. Untersuchungen zeigen zudem, dass diese Stoffe mit der Zeit in angrenzende Bauteile wie Rohbeton oder Verputz eindringen können. Dadurch entsteht neben der ursprünglichen Schadstoffquelle eine sekundäre Schadstoffquelle, welche auch nach dem Entfernen der teerölhaltigen Schüttung weiterhin Emissionen verursachen kann.

Diese Erkenntnis ist für die Planung einer erfolgreichen Sanierung von zentraler Bedeutung.

Häufige Fragen

Ist Naphthalin dasselbe wie PAK?

Nein. Naphthalin ist eine einzelne Verbindung innerhalb der grossen Stoffgruppe der polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK).

Sind potenziell alle Gebäude aus den 1960er- bis 1980er-Jahren betroffen?

Nein. Entscheidend ist nicht das Baujahr allein, sondern die tatsächlich verwendete Bauweise und die eingesetzten Materialien.

Kann ich eine Naphthalinbelastung am Geruch erkennen?

Nicht zuverlässig. Ein typischer Geruch kann ein Hinweis sein, ersetzt jedoch keine fachliche Untersuchung. Umgekehrt schliesst das Fehlen eines Geruchs eine Belastung nicht aus.

Vermuten Sie eine Belastung mit Naphthalin?

​Ob ein Gebäude tatsächlich betroffen ist, lässt sich weder anhand des Baujahrs noch aufgrund eines Geruchs zuverlässig beurteilen. Eine fachgerechte Untersuchung schafft Klarheit und bildet die Grundlage für fundierte Entscheidungen.

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